Heikles Spiel mit dem Strom

"Geld bleibt hier", hiess es während dem Abstimmungskampf zum neuen Energiegesetz. Inzwischen werden die allermeisten Solarpanels in China produziert und Meyer Burger läutet eine erneute Entlassungsrunde ein. Dass Solarenergie alles andere als ein Heilsbringer ist, zeigt der Physiker Andreas Aste in seinem Artikel in der Basler Zeitung vom 22. Oktober.

 

Pünktlich auf die Hiobsbotschaft, dass der Schweizer Solarzulieferer Meyer Burger
wieder von einer Massenentlassung betroffen ist, erscheint in der BaZ
Christoph Eymanns Werbeschrift für die Solarenergie. Wie hatte es damals
im Abstimmungskampf um die Energiestrategie 2050 geheissen? Das Geld bleibt in
der Schweiz! Doch immer öfters kommen die Photovoltaik-Anlagen auf unseren
Dächern aus China. Das Reich der Mitte kontrolliert heute über 80% des Weltmarktes,
und in der Schweiz ist die Zahl der Beschäftigten im Solarindustrie-Sektor
in den letzten fünf Jahren um etwa die Hälfte eingebrochen.
 
So liest sich auch die Einleitung in Eymanns Text wie eine unfreiwillige Parodie
der Energiestrategie: Die Wasserkraft ist limitiert, die Windkraft ist nur an wenigen
Orten effizient und stösst in der Bevölkerung auf Widerstand, Geothermie hat
Nebenwirkungen und Biomasse liefert auch nicht genügend Strom.
Was bleibt ist somit der Solarstrom.
 
Kein Wort folgt dann aber darüber, dass der Solarstrom starken saisonalen Schwankungen unterworfen ist. Dabei sind die Tag-Nacht-Schwankungen überhaupt kein Problem und können mit moderaten Speichermethoden aufgefangen werden. Doch wenn es darum geht, Sonnenenergie für mehrere Wintermonate zu speichern, kommt der ganze technologische Moloch hinter der Energiewende zum Vorschein. Es wären mehrere Tonnen Batterien beschränkter Lebensdauer pro Kopf der Bevölkerung notwendig, um das Kunststück der saisonalen Speicherung zu vollbringen. Methoden wie Power-to-Gas sind mit hohen Verlusten behaftet und möglicherweise noch lange nicht verfügbar, und Speicherseen müssten in einer Zahl gebaut werden, die jede Volkswirtschaft in den Ruin treiben würde - sofern das nötige Wasser überhaupt verfügbar wäre. Und wie weit reicht die Sonnenenergie eigentlich für Leute, die in einem mehrstöckigen Wohnhaus die Dachfläche teilen müssen?
 
Kein Wort folgt über den künftig zu erwartenden Bedarf an Lithium und Kobalt
für Batterien, welcher zur Zeit zwar noch moderat ist, sich aber zu einem echten
Problem für die armen Länder entwickeln wird, in welchen diese Elemente
durch ökologischen Raubbau aus dem Boden geholt werden müssen.
 
Ganz abgesehen davon repräsentiert der Elektrizitätssektor nur einen kleinen Teil
des gesamten Energiehaushaltes unserer Wohlstandsgesellschaft. Steigt der Strombedarf beispielsweise durch die Elektromobilität, so sind die nächsten Probleme programmiert. Damit aber nicht genug, kamen doch in den vergangenen Wochen erschreckende Tatsachen ans Tageslicht: die Stromversorgung Europas steht schon in absehbarer Zeit auf äusserst wackeligen Füssen, da man die vorhandenen und verbleibenden Kraftwerksreserven viel zu optimistisch eingeschätzt hatte. So kämpft Belgien bereits jetzt gegen einen Zusammenbruch der Stromversorgung im kommenden Winter an. Investitionen in verlässliche konventionelle Kraftwerke, welche das europäische Stromnetz gegen die zunehmenden Fluktuationen durch Erneuerbare schützen, kommen zunehmend unter Beschuss, neue Kraftwerke werden schon gar nicht mehr rechtzeitig projektiert, geschweige denn ersetzt.
 
Die sichere Stromversorgung ist ein äusserst wertvolles Gut. Viele Hände zerren bereits an dieser Perlenkette. Wir spielen ein heikles Spiel.
 
Andreas Aste ist ist Physiker und wohnt in Basel

 

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